Feuerroter Himmel in der Ferne

Wie die Herzogenauracher den Bombenkrieg erlebten - Flüchtlinge aus Nürnberg

Das Ende des Zweiten Weltkrieges wird am 8. Mai diesen Jahres 60 Jahre zurückliegen. Im Gedächtnis vieler Menschen ist diese Zeit aber immer noch verhaftet geblieben, sei es durch Tote, die in der Familie zu beklagen waren, sei es durch den Verlust des angestammten Lebensraumes und die Schwierigkeiten bei der Eingliederung in der neuen Heimat dem damaligen Landkreis Höchstadt an der Aisch.

von Manfred Welker

Es ist fast ein Wunder zu nennen, dass Herzogenaurach durch den Bombenkrieg trotz des Fliegerhorstes nahezu unversehrt blieb. Gläubige Teile der Bevölkerung führten dies besonders auf die Wirkkraft des Gebetes von Liebfrauenhauskuratus Dr. Heinrich Pezold zurück. Vielleicht lag es aber auch daran, dass besonders die US-Amerikaner für den Flugplatz, die nachmalige Herzo-Base, in ihren Nachkriegsplanungen bereits einen festen Platz vorgesehen hatten.
Die Vorschriften zum Luftschutz und die Verdunkelungsübungen waren seit Jahren wiederholt im Amtsblatt abgedruckt worden. Den ersten Fliegeralarm mussten die Herzogenauracher am 29. August 1942 erleben. Ungezählte weitere folgten, nach dem zehnten Alarm am 2. Oktober 1943 (!) hörte eine Herzogenauracherin damit auf, diese Ereignisse zu notieren. Der Schrecken des Bombenkrieges hatte ungefragt seinen festen Platz im Alltagsleben der Menschen gefunden.
Beim 6. Fliegeralarm in Herzogenaurach am 11. August 1943 hatte diese Herzogenauracherin noch verbittert geschrieben: „Morgens 1 Uhr warf der Feind Spreng- und Brandbomben auf das Stadtgebiet von Nürnberg. Es entstanden Brandschäden und Zerstörungen in Wohnblocks, an Kulturstätten & öffentlichen Gebäuden. Die Bevölkerung hatte nur geringe Verluste. [...] Um 1 Uhr heulten die Sirenen. Wir gingen in den Luftschutzkeller. Die Schutzsuchenden wurden immer mehr, es werden 150-200 Personen gewesen sein. Und die vielen Kinder, ganz klein im Kinderwagen. Ist das noch Krieg? Oder besser gesagt „Mord“. Denn das hat mit Krieg nichts mehr gemein, wenn man auch den Kindern ans Leben geht. Gegen 3 Uhr gingen wir wieder nach Hause. Der Himmel war feuerrot [von den Bränden in Nürnberg], mit einem Wort – schrecklich.“
Immer wieder konnten die Bewohner der Aurachstadt beobachten, wie Fallschrimleucht- und Bodenmarkierungsbomben über dem benachbarten Nürnberg, der Stadt der Reichsparteitage, abgeworfen wurden, um das Angriffsziel für die nachfolgenden Bomber zu markieren. Umgangssprachlich hatte sich da für die Bezeichnung „Christbäume“ oder „Lichterkränze“ eingebürgert.
Doch der schlimmste Angriff ereignete sich vor 60 Jahren, am 2. Januar 1945. Obwohl sich nur 521 Maschinen an diesem Angriff beteiligten, sorgten die 2304 Spreng- und Brandbomben sowie Luftminen dafür, dass die Altstadt im Feuersturm unterging.
Stadtpfarrer Leonhard Ritter von Herzogenaurach notierte in der Pfarrchronik: „In der nach vom 2. Januar [1945] erlebte Nürnberg den schlimmsten Luftangriff bis zur Stunde. Der Feuerschein erhellte den nächtlichen Himmel. Die Altstadt ging in Flammen auf. Brandbomben und Phosphor regnete es nur so vom Himmel herab. Viele Obdachlose suchten dahier ein Unterkommen.“
So stark waren die Brände gewesen, dass man ihren Feuerschein in Herzogenaurach ausmachen konnte. Eine in Herzogenaurach lebende Zeitzeugin dieses Angriffs kann sich  noch gut an das schreckliche Szenario erinnern. Gemeinsam mit ihrer Schwester fuhr sie am Spätnachmittag des 2. Januar 1945 von Hersbruck nach Mögeldorf, wo der Zug wegen Gleisschäden endete. Die Meldung lautete, dass die Fahrgäste nach Fürth laufen müssten, um einen weiterführenden Zug zu erreichen.
Der Fliegeralarm war um 18.45 Uhr ausgelöst worden. Als sie ihr Fußweg durch Nürnberg führte, sahen sie bereits die „Christbäume“ (Zielmarkierungen für die Bomber), die ab 19.20 Uhr über der Stadt niedergingen. Am Stadtrand waren schon die ersten Bombeneinschläge zu vernehmen. Die Gruppe suchte Deckung in Hauseingängen oder Kellern. Von einem Luftschutzwart wurden sie in einen Hochbunker am Bahnhof geschoben, wo sie bis zum Morgen bleiben sollten.
Der Bunker schwankte während der Bombeneinschläge, durch den Luftdruck. Innen herrschte eine drangvolle Enge. Im Raum und auf den Steinbänken am Rand kauerten die verängstigten Menschen zusammen. Die Lüftungsschächte vermochten die verbrauchte Luft nicht ersetzen. Stellenweise wurden Personen ohnmächtig. „Da habense aber eine Ladung runner gelassen!“ war der Eindruck der Augenzeugin. Nach ungefähr einer halben Stunde war alles vorüber.
Am 3. Januar um 8 Uhr in der Früh verließen die Schwestern den Bunker in Richtung Fürth. Trotz Brotmarken erhielten sie nirgends etwas zum Essen. Den Tag über bewegten sie sich durch eine Geisterstadt, die einmal als des „Reiches Schatzkästlein“ apostrophiert werden konnte. Brennende Straßenzüge säumten den Weg. Die Feuer brannten mit bläulichen Flammen. Überall waren noch Explosionen zu hören, die entweder von Blindgängern oder Bomben mit Zeitzündern stammen konnten.
„Wir waren so voller Angst“ äußert sie auch heute noch, nach so vielen Jahren. Beruhigend war nur, dass sie nicht allein waren, die Schwestern hatten sich vielmehr in eine Kolonne eingegliedert, die ihren Weg nach Fürth nahm. Durch die Trümmerwüste war keine Orientierung oder Identifizierung mit ehemaligen Stellen in der Stadt möglich. Als die Geschwister über eine Brücke gingen, krachte es. Die Gewährsperson (14 Jahre) warf sich sofort auf den Bonden. Ihre Schwester, die zwei Jahre älter war, scheuchte sie dagegen aus der Gefahrenzone weg.
Der Anblick der Stadt erlaubte nur ein Urteil: „Es war furchtbar.“ Am Spätnachmittag erreichte die Gruppe Fürth, „... da können Sie sich denken, was da los war!“ Der Bahnhof war von Menschen überfüllt. Die ersten zwei Züge, die kommen sollten, wurden abgesagt, der dritte lief endlich ein.

Einstieg durchs Fenster

Ihre ältere Schwester stieg durchs Fenster ein, die jüngere Schwester schob den Sack mit den Kostbarkeiten nach und wurde dann von ihrer Schwester durch das Fenster in das Zugabteil hineingezogen. Trotz Alarm fuhr der Zug schließlich doch los, bis Neustadt an der Aisch, wo er über Nacht stehen blieb. Am Vormittag des 4. Januar erreichten sie endlich ihr Ziel, Rothenburg ob der Tauber.
Auch für Herzogenaurach hatte dieser Angriff Auswirkungen, da sich zahlreiche ausgebombte Bewohner zu ihren Verwandten und Bekannten nach Herzogenaurach flüchteten. Dazu gehörten auch Maria-Ward-Schwestern aus Nürnberg, die in der Aurachstadt eine zeitweilige Bleibe fanden. Die Herzogenauracher Oberin M. Immaculata Hofmann schreib in ihren Bericht für das erste Halbjahr von 1945: „Ein ereignisvolles Halbjahr liegt hinter uns. Unsere Gemeinde zählt jetzt 17 Mitglieder.“ Grund dafür war, dass am 3. Januar spät abends Mater Alberta und Mater Helene aus Nürnberg zu ihren Mitschwestern an die Aurach kamen und um Obdach baten.
Am 13. Januar fand sich Mater Editha, am 22. Januar Mater Laurentia, einen Tag später Schwester Michaela, als letzte am 3. April Mater Ildevonsa ein, im Ganzen also sechs Mitschwestern. „Wie froh waren wir, unsrer durch den Fliegerterror schwer heimgesuchten Klostergemeinde Nürnberg diesen Liebesdienst erweisen zu dürfen. Sie eröffneten im hiesigen Schloss das Kirchensteueramt für Nürnberg“, schreib sie in ihrem Bericht weiter. Noch konnte Herzogenaurach als Zufluchtsort genutzt werden. Aber unaufhörlich rückte auch hier die Front immer näher.