Fahrt ins Konzentrationslager nach Dachau

Ende Januar besuchten wir, alle neunten Klassen des Gymnasiums, das ehemalige Konzentrationslager in Dachau. Darauf hatten wir uns im Unterricht intensiv vorbereitet.
Beispielsweise führte die Klasse ein Rollenspiel durch, in dem das Gefühl des Ausgegrenztseins thematisiert wurde, wodurch deutlich wurde, wie es vor allem Juden, aber auch Kritikern oder Gegnern Hitlers ergangen sein musste.
Am 21.1. machten wir uns somit gut vorbereitet auf den Weg nach Dachau. Vor Ort hatten wir zunächst Gelegenheit zu einem Gespräch mit einem Zeitzeugen, Herrn Abba Naor. Er war litauischer Jude und am Ende des Krieges kurz als Häftling in Dachau gefangen gehalten worden. Wir trafen ihn in einer Baracke, in der vor 60-65 Jahren die Insassen des KZs lebten. Herr Naor erzählte uns von dem gescheiterten Versuch seiner Familie, 1938 noch zu emigrieren. Mit der Besetzung Litauens wurden dann viele Juden gefangen und in Gettos gesteckt. Im Getto Kaunas, wo Abba Naor zuerst noch mit seiner Familie als 13‐Jähriger war, gab es nur für die Menschen zu essen, die „arbeitsfähig" waren. Das Essen wurde zugeteilt. Es war bei Todesstrafe verboten, etwas außerhalb des Gettos zu kaufen. Damit man nicht verhungerte, musste man aber etwas kaufen. Sein Bruder wurde dabei erwischt und mit 15 Jahren erschossen.
Kaunas wurde 1943 in ein Konzentrationslager umgewandelt. Viele Menschen wurden dort umgebracht. Allein an einem Tag wurde ein Teil des Lagers geschlossen und Tausende der Insassen in dem nahe gelegenen Steinbruch erschossen. Ein Waisen- und Krankenhaus zündete die SS einfach an, um die Insassen zu töten, denn sie seien ja nicht arbeitsfähig. Auf diese Weise starben über 200.000 Juden. Herr Naor erzählte von den willkürlichen Morden an Familien, von Kindern, die abgeholt und vergast wurden, während ihre Eltern nichts ahnend arbeiteten. „Wir konnten das damals einfach nicht glauben", betonte er oft. „Wir konnten nicht glauben, dass das wahr ist."
1944 wurde das Lager in Kaunas vor den anrückenden Russen geschlossen und die Überlebenden zum Teil zu Fuß, zum Teil in Viehwaggons in das KZ Stutthof deportiert. Dort sieht Naor seine Mutter und seinen kleinen Bruder das letzte Mal: Sie werden in Ausschwitz vergast. Er selbst kam von dort in das Lager Utting am Ammersee, ein Außenlager von Dachau, wo er nur kurz war. In Utting musste er sehr hart arbeiten und bekam fast nichts zu essen. Am 24. April 1945, zum Ende des Krieges, begann der „Todesmarsch" von Dachau über Bad Tölz nach Waakirchen: Bei diesem Marsch ohne Verpflegung wurde jeder Gefangene erschossen, der zu fliehen versuchte oder aufgrund von Nahrungs‐ und Wassermangel zusammenbrach. Am 2. Mai 1945 wurde Herr Naor dann von den Alliierten befreit.
Von den 23 Familienmitgliedern überlebten nur sein Vater, sein Onkel, ein Cousin und er selbst. Abba Naor ist 1946 nach Palästina ausgewandert, wo er heute noch lebt. Obwohl wir sehr viele Schüler waren, war es während des ganzen Vortrags sehr still. Im Anschluss durften wir Herrn Naor noch Fragen stellen – zu Themen, die wir im Unterricht vorab besprochen hatten, aber auch zu seiner Lebensgeschichte. Eine Schülerin fragte ihn schließlich, warum er das alles erzähle, denn das müsse für ihn doch sehr schwierig sein. Er antwortete: „Ich sehe es als eine Pflicht, das zu tun. Meine Pflicht gegenüber denen, die damals gestorben sind."
Nach diesem Gespräch hatten wir noch eine Führung durch das KZ, in der uns veranschaulicht wurde, wie es in diesem Lager zuging, und dass es von hier kein Zurück mehr gab. Wir konnten auch den Vergasungs‐ und Verbrennungsraum sehen, wo Menschen, die vorher qualvoll gestorben waren, verbrannt wurden.
Im Unterricht haben wir die Fahrt mit ihren Erlebnissen nochmals besprochen. und uns in einer Hausaufgabe mit dem Aspekt der Frage „Kollektivverantwortung“ auseinandergesetzt. Darin wurde deutlich: Nicht jeder ist am 2. Weltkrieg schuld, aber wir alle haben Verantwortung dafür, dass ein solcher Krieg mit seinen Grausamkeiten nicht mehr entstehen kann. Unsere Generation ist mit dem Wissen darüber, wie der Nationalsozialismus überhaupt solche Ausmaße annehmen konnte, aufgewachsen und deshalb sollte unser aller Augenmerk darauf liegen, dass wir selbst dafür sorgen, beispielsweise durch unser Wahlverhalten, dass es auf keinen Fall wieder zu so etwas Schrecklichem kommt. Das Leid in den KZs und außerhalb darf nicht vergessen und auch die nächste Generation muss darüber umfassend informiert werden.
Es gibt viele Menschen, die sich nicht um die Vergangenheit sorgen, weil sie es sich einfach nicht vorstellen können, oder sie verdrängen, oder zu wenig über sie Bescheid wissen. Um allerdings Kollektivverantwortung tragen zu können, muss jedem Menschen klar sein, was die Menschen früher im Krieg durchmachen mussten. Dachau und das Gespräch mit Herrn Naor haben uns so einen Einblick verschafft. Wir wissen jetzt, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen für unsere Zukunft und die der folgenden Generationen.

Martin Arneth, Milana Dzuceva, Thomas Fleck und Johanna Weichlein, 9c, sowie Helena Schneider und Nina Wellein, 9d