Europa hautnah

Europa—schon für viele Erwachsene ist dies ein eher theoretisches Thema, und für Schüler ohnehin ein weiteres, für die eigene Erlebniswelt eher unbekanntes Feld des Lehrplans.
Für die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Höchstadt a.d. Aisch sollte sich dies am 20. Oktober 2010 ändern.

Eine Einladung des mittelfränkischen Abgeordneten des Europaparlaments, Martin Kastler, ermöglichte es dem Leistungskurs Englisch sowie den P-Seminaren „Sprachwerkstatt“ der Jahrgangsstufen 11 und 12, Europa hautnah zu erleben. Ganz nebenbei wurde dabei auch deutlich, dass G8 und G9 nicht immer nur Unterschiedliches erleben, sondern inhaltlich immer noch am gleichen Strang ziehen.
Sowohl die Teilnehmer P-Seminare „Sprachwerkstatt“, die sich etwa mit der Erstellung eines Flyers für die Stadt Höchstadt oder anderen die Region betreffenden Materialien in den Fremdsprachen Englisch und Italienisch beschäftigen, als auch die Kollegiaten des Leistungskurses, die sich um die Perfektionierung der Beherrschung der englischen Sprache bemühen, konnten sich bei einer extra für die Gruppen organisierten Führung zum Beruf des Simultandolmetschers ein Bild von der Bedeutung von Fremdsprachen machen.
So durften die Schüler in Kleingruppen die Kabinen besuchen, in denen die „Flüsterer“ die meist zeitlich über eine Minute kaum hinausgehenden Redebeiträge der Parlamentarier in 27 Sprachen übersetzen. Selten wurde den Schülern so deutlich, wie viele Sprachen es noch zu lernen gilt und wie notwendig die sichere Beherrschung nicht nur einer, sondern möglichst mehrerer moderner Fremdsprachen für jeden Europäer ist. Besonders die Notwendigkeit der exakten Wiedergabe von Strukturen und Inhalten, die vielen Schülern im Unterricht zum Leidwesen ihrer Lehrer oft eher vernachlässigbar scheint, wurde so manchem deutlicher als zu anderen Gelegenheiten. Dies vermag oft keine noch so gute Unterrichtsstunde zu vermitteln.
Im Anschluss wurden die Schüler auch über die Arbeit der Abgeordneten des Europaparlaments durch Herrn Kastler informiert, und den Schülerinnen und Schülern war daran gelegen, Antworten auf im Unterricht behandelte, vielleicht noch offene Fragen zu finden: Stimmt der Europaabgeordnete im Sinne seines Landes oder für die im Parlament übergeordnete Fraktion? Ersetzt das Europaparlament tatsächlich bereits Beschlüsse der nationalen Gremien? Ist die Angabe „121 g“ auf der Schokoladenpackung für den Verbraucher nicht eher verwirrend? Herr Kastler stellte sich diesen Fragen mit erfrischender Offenheit und zeigte viel pragmatisches Verständnis für die Nöte der Bürger und die Erlebniswelt der Schüler bei alltagsnahen Fragen wie etwa in welchen Sprachen der Verbraucher Informationen auf Verpackungen vorfinden sollte.
Bei der für diesen Tag anberaumten Abstimmung des Parlaments zum Thema Mutterschutz konnten die Schüler dann sowohl Herrn Kastler als auch die Dolmetscher bei der Ausübung ihrer Tätigkeiten beobachten. Das babylonisch anmutende Stimmengewirr und die schier unendliche Liste an europaweit zu vereinheitlichenden Entscheidungen zu dieser Thematik ließen die Bandbreite und Bedeutung der Europäischen Union lebensnah werden.
Mittelfranken, Bayern, Europa — ein Spannungsfeld, das an diesem Tag nicht spannender hätte sein können.

Susanne Bentivoglio